Perry Rhodan ist unsterblich: Seit 45 Jahren rettet der Astronaut das Universum und hilft wöchentlich über 100.000 Lesern, ihren Alltag Lichtjahre weit hinter sich zu lassen. Jetzt erscheint mit Nummer 2400 das Heft zum 45. Jubiläum der größten Science-Fiction-Serie der Welt.Es war eine bedrückende Zeit, Anfang der sechziger Jahre: Der Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion, der schließlich in die Kuba-Krise mündete. Gefangen im Rüstungswahnsinn der beiden Supermächte, eingekeilt zwischen Pershing und SS 20, lag die wehrlose Bundesrepublik. In geduckter Erwartung und ohne jede Handlungsoption. Was tun, wenn man machtlos ist? Die Psyche benötigt ein Ventil.
In diesem lähmenden Klima der Ausweglosigkeit und vor dem Hintergrund einer sich permanent zuspitzenden Nachrichtenlage, erscheint im September 1961 beim Pabel-Moewig Verlag im badischen Rastatt das erste Perry-Rhodan-Romanheft (PR) "Unternehmen Stardust". Es macht den Lesern das attraktivste Angebot, dass zu jenem Zeitpunkt denkbar ist: Eine Reise, weit weg von hier, weg von diesem Planeten, der jede Sekunde droht, zu einer zweiten Sonne zu werden.
Der Held der Serie ist Perry Rhodan: Der erste Mensch, der den Mond betritt. Knapp acht Jahre vor der tatsächlichen Mondlandung lässt ihn der Autor Karl-Herbert Scheer in ein Abenteuer starten, dessen Beginn sich zunächst noch relativ nah an der Gegenwart bewegt. Schließlich hatte der russische Kosmonaut Juri Gagarin erst wenige Monate zuvor als erster Mensch im Weltraum die Erde umrundet und John F. Kennedy vor dem amerikanischen Kongress den Wettlauf um die Reise zu dem Erdtrabanten eröffnet.
Doch der Realismus findet ein schnelles Ende. Der erste Schritt in Welten von absolut phantastischer Gigantomanie lässt nicht lange auf sich warten: Ein Raumschiff, groß wie ein Gebirge, türmt sich vor den Raumfahrern auf. Havariert auf dem kleinen Erdenmond. Es ist bemannt mit den Mitgliedern einer uralten, extrem hoch entwickelten Zivilisation. Ein Gebilde, technisch so weit fortgeschritten, das Captain Kirk von der allseits bekannten Science-Fiction-Serie "Raumschiff Enterprise" reichlich altertümlich daher kommt.
Unsterblich, aber nicht unverwundbarEs ist der vielzitierte erste Kontakt mit einer fremden Rasse, und er katapultiert Perry Rhodan und seine Begleiter von null auf Lichtgeschwindigkeit in kürzester Zeit in ein Universum voller Leben, Gefahren und Anomalien. In der Folge breitet sich über die Jahre der Kosmos für die Terraner - die Bewohner der inzwischen politisch geeinten Erde - in einer Größe und Farbe aus, der seine Fans völlig mit sich hinweg reißt. In eine Utopie, die der Realität fern genug ist, um sich gänzlich darin zu verlieren. Mit Helden, die immer erfahrbar genug bleiben, um sich mit ihnen zu identifizieren.
Und Perry Rhodans Universum ist weder kalt noch leer: Die Menschen sehen sich der Herausforderung gegenüber, ihren Platz in einem Kosmos voller Leben zu finden. Menschenähnliches Leben, aber auch völlig fremdartige Intelligenzen behaupten ihre Machtansprüche oder schmieden Allianzen mit den Neuankömmlingen im All. In städtegroßen Raumschiffen rasen die galaktischen Abenteurer an Handlungsorte, die zig Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt oder tausende von Jahren in der Vergangenheit liegen. Sie werden verstrickt in die undurchschaubaren Pläne kosmischer Mächte, treffen Superintelligenzen, die nur aus geistiger Energie bestehen und bereits seit Urzeiten existieren.
Eines dieser Wesen, dessen Macht nahezu gottgleich erscheint, offenbart sich als Verbündeter der Menschheit und verhilft Perry Rhodan schließlich zur relativen Unsterblichkeit. Relativ deshalb, weil er von nun an zwar nicht mehr altert, aber dennoch jederzeit bei einem Unfall oder einer Auseinandersetzung umkommen könnte: Unsterblich aber nicht unverwundbar.
Von diesem Moment an verbindet sich das Schicksal des "einfachen" Astronauten mit dem des Universums.
Siegszug eines GroschenromansNahezu eine Milliarde verkaufter Exemplare weltweit, übersetzt in englisch, portugiesisch, japanisch und tschechisch, stehen für den Siegeszug eines Groschenromans und für die größte Science-Fiction-Serie der Welt.
Wenn nun am 17. August Band 2400 erscheint, ist "Groschenroman" dabei längst eher ein Kultbegriff als eine zutreffende Beschreibung. Denn das Klientel ist anspruchsvoll.
Dr. Rainer Stache, der 1986 über Paraliteratur am Beispiel Perry Rhodans habilitierte, bescheinigt der PR-Leserschaft ein überdurchschnittliches Maß an Intelligenz: "Es gibt ein unglaubliches intellektuelles Potenzial im Kreis der PR-Leser. Das sind alles kleine Universalgenies."
"Perry Rhodan" - Lektüre für MännerFast immer sind es Männer: Technische Angestellte, Ingenieure, Professoren, aber auch schlicht Neugierige und Bildungshungrige fühlen sich der Serie verbunden. Perry-Rhodan-Fan-Clubs oder Stammtische gibt es in der ganzen Republik.
Mit mehr als 10.000 Einträgen haben PR-Fans nach dem Vorbild Wikipedia inzwischen die offene PR-Enzyklopädie "Perrypedia" geschaffen. Sie soll Licht in die Begrifflichkeiten und das mittlerweile ins Epochale angewachsene PR-Vokabular bringen. Neue Beiträge diskutieren und kritisieren die jeweils aktuelle Handlung.
Entsprechend hoch ist bei einem so aktiven Leserkreis auch der Anspruch an die Qualität der Autorenleistung. Die unterlag in den vergangenen 45 Jahren extremen Schwankungen. Nicht jedem Exposé-Autor gelang es, sein Autorenteam so zu führen, dass es stets ein konstantes Niveau lieferte. Schwer erträglich waren häufig Patzer und Qualitätsmängel ausgerechnet am Ende großer Zyklen, also gerade dann, wenn die Nerven der Fans zum Zerreißen angespannt waren.
Heimatliche Milchstraße statt MegalomanieDer Fairness halber sei bemerkt: Es ist nicht immer die leichteste Aufgabe, ein erdachtes Universum zu steuern. Auch nach einem halben Jahrhundert, und nachdem in der Serie mehr als 2000 Jahre vergangen sind, müssen Namen, Orte, Entfernungen die selben bleiben. Das gilt auch für die Merkmale und das Aussehen von Völkern, ihren Fähigkeiten, für die Grundlagen der Technik sowie die Kausalitäten der Serie. Und erst recht für die handelnden Personen. "Selbst die Autoren müssen mitunter vor der unüberschaubaren Datenfülle kapitulieren", gibt Stache zu.
Ein weiteres Problem ist die Handlung selbst, die mitunter drauf und dran war, die Grenzen des Vorstellbaren zu überschreiten. Denn zwischenzeitlich wurde sie von Akteuren bestimmt, deren Macht und Wissen schlicht nicht darstellbar ist. Mit einem Wort: Eine Steigerung war nicht mehr möglich.
Deswegen unterzog sich die Serie unter dem aktuellen Exposé-Autor Robert Feldhoff einer entschiedenen "Megalomanie-Diät": Zwar beeinflussen kosmische Mächte noch immer den Handlungsrahmen, im Vordergrund aber stehen wieder die persönlichen Schicksale der Protagonisten.
Mithilfe apokalyptischer Katastrophen wurden auch die technischen Möglichkeiten auf ein erträgliches Maß reduziert. Man bewegt sich wieder in der heimatlichen Milchstraße. Von gelegentlichen Abstechern mal abgesehen.
Im Gegensatz zu vorher bedeutet das: Man spielt im Vorgarten. Das erhöht den Spielraum und schafft nun wieder genau den Kosmos voller Rätsel und Unwägbarkeiten, der am Beginn des Erfolges stand.
Angebot an NeueinsteigerAuch die Ideologie der Serie hat sich stark verändert. Während Scheer in den Anfängen in Wild-West-Manier erst schießen und dann fragen ließ, gewannen in der Hippie-Kultur der Siebziger mit dem damaligen Vordenker William Voltz spirituelle und pazifistische Einflüsse die Oberhand. Plötzlich waren alle Freunde. Auch das war zuviel des Guten.
Feldhoff blieb es überlassen, die Serie nach einer langen Krise in modernes Fahrwasser zu führen. Gemäß der pluralistischen, individualistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts herrscht nun auch im Perry-Rhodan-Kosmos die pragmatische Philosophie des "Sowohl-als-Auch", frei von jeder Dogmatik, ein postmodernes Nebeneinander verschiedener Strömungen ohne eindeutiges Gut und Böse, verwirrender aber zugleich ehrlicher, komplizierter aber toleranter, gegensätzlicher aber frischer als zuvor.
Der Jubiläumsband 2400, mit dem wieder ein neuer Zyklus beginnen soll, wird auch ein Angebot an Neueinsteiger sein, verspricht Feldhoff. Doch der Exposé-Autor gibt unumwunden zu, dass ihn hauptsächlich diejenigen Leser im gestandenen Alter interessieren, die irgendwann in früheren Jahren schon einmal Fans der Serie waren. Und das sind nicht wenige.
Über den Mangel an Junglesern beklagt er sich nicht: "Wir verkaufen unsere Hefte an eine treue Leserschaft, die zahlenmäßig größer ist, als die Jugendlichen, die überhaupt noch lesen. Wir haben mittlerweile eingesehen, dass wir uns mindestens noch 30 Jahre in einer sehr komfortablen Situation befinden."
In drei Jahrzehnten käme die Serie bis Band 4000. Eines also scheint gewiss: Perry Rhodan ist unsterblich. Relativ jedenfalls.
Quelle :
www.spiegel.de