Gott weiß offenbar genau, was er will. Im Buch Exodus der Bibel befiehlt Jahwe seinem Gefolgsmann Mose, eine Transportkiste bauen zu lassen für die beiden Steintafeln mit den Zehn Geboten:Macht eine Lade aus Akazienholz, zweieinhalb Ellen lang, anderthalb Ellen breit und anderthalb Ellen hoch! Überziehe sie innen und außen mit purem Gold. Gieß für sie vier Goldringe, und befestige sie an ihren vier Füßen. Fertige Stangen aus Akazienholz an. Steck die Stangen durch die Ringe, so dass man die Lade damit tragen kann. Verfertige auch eine Deckplatte aus purem Gold. Mach zwei Kerubim aus getriebenem Gold, und arbeite sie an den beiden Enden der Deckplatte heraus! Die Kerubim sollen die Flügel nach oben ausbreiten.
Sah so die Bundeslade aus? (Filmszene aus "Jäger des verlorenen Schatzes")
Mose tut wie geheißen, über Jahrhunderte tragen die Israeliten danach die Bundeslade als ihr höchstes Heiligtum immer mit sich: Die Kiste kann laut Bibel Menschen töten, sie drängt die Fluten des Jordans zurück und lässt zusammen mit Posaunenschall die Mauern von Jericho einstürzen. König David bringt sie dann ins frisch eroberte Jerusalem, Davids Sohn Salomo baut schließlich seinen großen Tempel um sie herum - ungefähr dort, wo heute der Felsendom steht.
Alles nur fromme Legenden? Sicher. Aber Wissenschaftler glauben, dass diese Legenden einen wahren Kern haben könnten, dass dieses mystisch verklärte Möbel einst existierte - und vielleicht noch existiert. Nur wo?
Seit Jahrzehnten treibt diese Frage nicht nur Filmhelden um wie Indiana Jones ("Jäger des verlorenen Schatzes"), sondern auch Abenteurer, Raubgräber und auch Wissenschaftler: Ein Hamburger Archäologieprofessor verkündete vergangenes Jahr, er wisse Neues über die alten Geschichten von der Bundeslade in Äthiopien; ein renommierter Konkurrent von der University of London behauptet, die Lade sei im Süden Afrikas. Und schon weitaus länger stehen bei einigen die Tempelritter in Verdacht, den Goldkasten nach England geschafft zu haben.
Sicher ist nur, dass alle Geschichten und Erwähnungen in der Bibel auf die Zeit vor 597 v. Chr. hindeuten. Es ist das Jahr, in dem Babylons Herrscher Nebukadnezar II. Jerusalem erobert. Seine Soldaten plündern den Tempel, rauben alle Reichtümer. Die Chronisten der Bibel notieren penibel, welche Stücke ihre Militärs davonschleppen - nur den größten Schatz, die Bundeslade, listen sie nicht auf.
Vielleicht hat einer der vielen Feinde Israels sie irgendwann zerstört, vielleicht ist sie in Jerusalem verbrannt oder verschüttet worden, vielleicht haben Priester sie aber auch vor dem Anrücken der Babylonier versteckt, in einer Höhle, einem Gang unter dem Tempelberg. Zu gern würden Archäologen den heiligsten Hügel der Menschheit durchstöbern. Aber weder Muslime noch Juden werden das je genehmigen.
Die Forscher würden die Bundeslade dort auch nicht finden, wenn stimmt, was im Zweiten Buch der Makkabäer steht: Der Prophet Jeremia habe einen "Gottesspruch empfangen" und die Lade, vor dem Angriff der Babylonier, aus Jerusalem weggeschafft. Er sei "hinausgegangen zu dem Berg, auf den Mose gestiegen war. Dort fand Jeremia eine Höhle wie ein Haus. Er trug die Lade hinein; dann verschloss er den Eingang".
Aber welches ist der Berg der Zehn Gebote? Viele Expeditionen suchten schon vergebens - weil die Kiste längst wieder weg war, sagt der britische Autor und Rechercheur Graham Phillips: Er zitiert einen arabischen Chronisten, nach dessen Worten britische Tempelritter um 1180 am Berg Madhbah im heutigen Jordanien - der manchen Bibelarchäologen als Mose-Berg gilt - einen geheimnisvollen Kasten fanden.
Phillips verfolgt die Spur, vage Quellen nutzt er, aber auch mittelalterliche Grundbücher. Und nach denen sollen mehrere heimkehrende Kreuzfahrer "heilige Dinge" aus Palästina nach England geschafft haben. Am Ende steht Phillips vor einem Brunnen und einer Höhle in der Grafschaft Warwickshire in Mittelengland. Dummerweise haben die Briten das Areal nach dem Zweiten Weltkrieg gründlich umgepflügt, eine Straße musste verbreitert werden.
Gab es ihn je, diesen phantastischen Dreiklang, Salomo, die Königin von Saba und die Bundeslade?Noch abenteuerlicher klingen die Geschichten, die bekannte Professoren verfechten. Der Londoner Hochschullehrer Tudor Parfitt etwa hat einen ziemlich guten Ruf zu verlieren. Trotzdem behauptet er, die Bundeslade sogar gesehen zu haben - oder das, was von ihr übrig ist.
Parfitt nimmt seine Spur in den achtziger Jahren auf, als er die seltsame Geschichte einer Volksgruppe in Südafrika erforscht, der Lemba. Die Lemba glauben seit Jahrhunderten, sie seien ein verlorener Stamm des Volkes Israel. Und irgendwann glaubt der Professor ihrer Überlieferung. Kollegen attackieren ihn, verlachen ihn. Bis 1999.
Dann ergibt die DNA-Analyse genetischer Marker, dass die Lemba wahrscheinlich mit den Israeliten verwandt sind. Genauer noch: Das Ypsilon-Chromosom zeigt Ähnlichkeiten sogar zu einem speziellen Stamm, dem der Kohanim, der Cohens - der einstigen Tempelpriester.
Also untersucht Parfitt einen besonders farbigen Strang der Lemba-Überlieferung genauer: die Legende vom "Ngoma Lungundu", einem göttlichen Kasten, der erst um 1940 verschwunden sei. Der Ngoma soll mit zwei Stangen getragen worden sein, er konnte angeblich Blitze aussenden, Menschen töten, er war zu heilig, um auf den Boden gestellt zu werden - alles so ähnlich wie bei der Bundeslade. Die Lemba behaupten, ihre Vorfahren hätten ihn aus Jerusalem mitgebracht. Kleiner Schönheitsfehler: Die Kiste ihrer Legende soll abgerundet sein, eher ein Fass also.
Der Professor verfolgt die Spur der Lemba trotzdem rückwärts, auch mit einem weiteren DNA-Abgleich. Die Suche führt ihn in eine Geisterstadt im Jemen, zu arabischen Dokumenten aus dem 9. Jahrhundert - und schließlich in das Lagerhaus eines Museums in Harare, Simbabwe. Dort findet Parfitt nach eigenen Angaben wohl den Ngoma Lungundu: zerstört, halb verbrannt, aber die Trageringe kann er noch erkennen, auch seltsame Reliefs.
Parfitt lässt einen Holzsplitter mit der C-14-Methode datieren. Das Material stammt aus dem 14. Jahrhundert, nach Christus - kann also nicht zu Moses Bundeslade gehört haben. Doch die Lemba-Legende erzählt, dass der Original-Ngoma vor ein paar Jahrhunderten zerstört wurde; auch aus Resten des alten sei ein neuer Schrein gebaut geworden. Parfitt sagt, der heilige Schrott aus Harare sei wohl "das letzte Ding auf dieser Welt, das direkt von Moses Bundeslade abstammt". Weitere Forschungen sind zurzeit nicht möglich, denn das, was Parfitt gesehen hat, verschwand im vergangenen Jahr aus dem Museum; dahinter, vermutet der Professor, stecke der Clan des greisen Diktators Robert Mugabe.
Parfitts Hamburger Kollege Helmut Ziegert verfolgt eine ganz andere Spur. Der inzwischen emiritierte Archäologieprofessor sucht seit Ende der neunziger Jahre nach Belegen für die zentrale Legende der äthiopischen Juden, von denen viele Christen wurden, vor rund 1500 Jahren schon.
Die Legende, erzählt in der Chronik "Kebra Negast", geht so: Menelik, Äthiopiens König in grauer Vorzeit, sei ein illegitimer Sohn König Salomos gewesen - gezeugt mit der Königin von Saba. Menelik habe seinen Vater besucht und danach die Bundeslade in sein Reich geschafft. Doch gab es ihn je, diesen phantastischen Dreiklang, Salomo, die Königin von Saba und die Bundeslade?
Ziegert fängt an zu graben, in Aksum, der alten Königsstadt Äthiopiens. Und schließlich stößt sein Team auf Mauern von zwei Prachtbauten, einen Altar und genug andere Hinweise, dass Ziegert seither die äußerst gewagte Theorie vertritt, dort hätten die Paläste von Menelik und seiner Mutter gestanden.
Und die Bundeslade, glaubt Ziegert, werde tatsächlich gleich nebenan in der Kapelle der Heiligen Maria von Zion gehütet - wie es die äthiopische Kirche seit Urzeiten behauptet.
Das Problem: Seit vielen Generationen schützt immer ein Mönch die angebliche Bundeslade, bis zu seinem Tod. Dann wird ein neuer ernannt. "Der Wächter", wie er nur heißt, verlässt die umzäunte Kapelle sein Leben lang nicht; aber außer ihm darf sie auch kein Mensch betreten. Niemand kann prüfen, ob er jene Kiste bewacht, die Mose bauen ließ - oder nur irgendeine Kiste.
Quelle :
www.spiegel.de