Der Höhenflug des Euros sorgt in Frankreich für großen Verdruss. Politiker kritisieren, die Europäischen Zentralbank fahre einen zu rigiden Kurs und würge die Wirtschaft ab. Der Ruf nach einer Kontrolle der Geldpolitiker wird lauter.Paris - Nach der jüngsten Zinserhöhung stimmte Premierminister Dominique de Villepin in den Chor der EZB-Kritiker ein und forderte ein politisches Gegengewicht. "Die Mitglieder der Euro-Gruppe könnten davon profitieren, wenn sie Handlungsspielraum zurückerlangten", sagte der Regierungschef.
Anlass zur Panik in Paris gab die überraschende Wirtschaftsflaute im Herbst. Die in der ersten Jahreshälfte kräftige Konjunktur kam im dritten Quartal zum Stillstand. Die Exportschwäche der Franzosen, die Schwierigkeiten in Auto- und Luftfahrtindustrie werden zunehmend auf den schwachen Dollarkurs zurückgeführt.
Staaten wie Exportweltmeister Deutschland könnten sich besser auf die Situation einstellen, räumte Villepin ein. Für Frankreich sei die Eurostärke von Nachteil. Deswegen plädiert der Premier für eine Neudefinition der Zuständigkeiten. "Wir müssen die Verantwortlichkeiten zwischen der Bank und den Mitgliedern der Euro-Gruppe klären, um Verbesserungen zu erzielen."
Mit dem Argument, die von Deutschland durchgedrückte Stabilitätsfixierung mache eine nationale Wachstumspolitik für immer unmöglich, versuchten die französischen Linken schon die Euro-Einführung zu verhindern. Der Euro wurde als Jobkiller dämonisiert.
Da sich der Abbau der Arbeitslosigkeit im Herbst verlangsamt hat, fühlen sich viele bestätigt. Die sozialistische Präsidenschaftskandidatin Ségolène Royal schimpfte in der vergangenen Woche über die "Allmacht der Zentralbank". Über die Wirtschaftspolitik dürfe nicht länger allein EZB-Chef Jean-Claude Trichet entscheiden.
Ihr Gegenkandidat bei der Präsidentschaftswahl, Innenminister Nicolas Sarkozy von der bürgerlichen UMP, will die Frankfurter Währungshüter ihrer Souveränität berauben, um den Euro als Instrument der Konjunkturpolitik zu gewinnen. In Deutschland, das im Januar die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, beißen die Franzosen damit auf Granit. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück beschied Anfang Dezember in Paris kühl, man möge die Situation "nicht überdramatisieren".
Doch in der Kritik am Euro wissen die französischen Politiker ihre Bevölkerung hinter sich. "Mir ist das Geld noch immer fremd", sagt etwa Monique Dumas. Die 76-Jährige hat gerade ihren Abendeinkauf im Supermarkt Champion beendet. Sie rechnet - wie mehr als die Hälfte ihrer Landsleute - noch immer in Francs. "Was billig oder teuer ist mache ich mir klar, indem ich auf den Francs-Betrag schaue", sagt sie. Dieser wird nach wie vor auf jeder Rechnung ausgewiesen, vom Croissant bis zur Eigentumswohnung.
Der "Volksgesundheit" abträglich?Tatsächlich war der Euro für die Volksgesundheit der Grande Nation alles andere als förderlich, wie das Verbraucherforschungsinstitut Crédoc festgestellt hat. Obwohl die Preise nicht stärker als vorher stiegen, seien viele Menschen "hypersensibel" für die kleinsten Schwankungen geworden. Der psychologische Effekt sei nicht zu unterschätzen, schreiben die Experten: "Es ist ein Konsumstress entstanden, den es vorher nicht gab."
Die Euro-Muffeligkeit der Bevölkerung hat Tradition. Um ein Haar hätte Frankreich die Einheitswährung zu Fall gebracht. Im Referendum über die Maastricht-Verträge im September 1992 stimmten 49,9 Prozent dagegen. "Es waren die französischen Regierungen, die schon in den 80er Jahren den Euro gefordert haben", sagt Henrik Uterwedde, Wirtschaftsexperte vom Deutsch-französischen Institut.
"Die Deutschen haben lange abgeblockt und wollten erst eine Konvergenz der Volkswirtschaften erreichen." Im Zuge der Wiedervereinigung hat Staatspräsident François Mitterrand dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl schließlich eine Zustimmung nahe gelegt, quasi als Beweis für den Integrationswillen des neuen Deutschlands. "Paradoxer Weise wurde dann eine Währung nach deutschem Muster, mit unabhängiger Zentralbank und strengem Stabilitätspakt daraus", sagt Uterwedde. "Der Euro ist eine französische Idee zu deutschen Bedingungen."
Quelle :
www.spiegel.de