Eine kleine Geschichte der Evolution und des Evolutionsgedankens mit kurzem Blick auf die Gegenwart
Im August 2006 berichtete das Wissenschaftsmagazin "Science", dass nur 40 Prozent der amerikanischen Bevölkerung an das Konzept der Evolution glaubt. Dass vor allem in den USA der Kreationismus immer mehr Anhänger findet, die sich vor allem zur akademisierten Variante der Evolutionskritik "Intelligent-Design" (ID) bekennen, bezeichnet der Physik-Nobelpreisträger des vergangenen Jahres, George F. Smoot, als "geradezu beängstigend" . Das Wiedererstarken des Kreationismus ist deshalb so frustrierend und beschämend, weil deren Protagonisten all das mühsam erworbene Wissen jener früherer Forscher, die dereinst so tapfer gegen die Widerstände ihrer Zeitgenossen kämpften, um eine wissenschaftlich fundierte Evolutionstheorie zu etablieren, schlichtweg ignorieren oder als unsinnig hinstellen.
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Quelle : www.heise.de
Genetische und kulturelle Innovationen sind nach neuen genetischen Erkenntnissen in der Menschheitsgeschichte Hand in Hand gegangen
Wissenschaftler unter der Leitung des Anthropologen Henry Harpending von der University of Utah haben Hinweise dafür entdeckt, dass die menschliche Evolution ab einer gewissen Zeit in hoher Geschwindigkeit abgelaufen ist und 7 Prozent der Gene einer schnellen Evolution unterworfen sind. In den letzten 80.000 Jahren haben sich nach der genetischen Analyse von 3,9 Millionen SNPs auf der Grundlage der HapMap-Daten von 270 Menschen die genetischen Veränderungen beschleunigt. Besonders stark aber seit 40.000 Jahren, also mit der neolithischen Revolution oder dem kulturellen Urknall, mit dem die Menschheit durch Migration, Landwirtschaft und Sesshaftigkeit in eine rasante, sich stetig beschleunigende kulturelle Innovation eingetreten ist. Zugelegt hat – wiederum mit der kulturellen Dynamik – die genetische Evolution vor 10.000 Jahren, dem Beginn der Städte.
"Wir sind nicht mehr dieselben Menschen wie vor 1000 oder 2000 Jahren", sagt Harperding. Verändert habe sich nicht nur die Kultur, sondern eben auch das Genom und damit die Biologie der Menschen. Eine entscheidende Rolle bei der beschleunigten Evolution hat das parallel stattfindende Wachstum der Menschheit gespielt, sagen die Forscher in ihrer Studie "Recent acceleration of human adaptive evolution", die in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen ist. Dadurch vermehren sich die genetischen Varianten von Genen, die Allele, und damit die Möglichkeiten, sich schneller wechselnden Bedingungen anpassen zu können.
Wenn sich die genetischen Variationen vermehren, müssten sich auch die Veränderungen vermehren, die nicht der Umwelt angepasst sind, da immer nur ein kleiner Teil der Mutationen vorteilhaft ist. Dadurch würde sich mit dem Anstieg der Populationsgröße allmählich die Zunahme der "Fitness" verlangsamen und einen Höhepunt erreichen. Das ist allerdings bislang in der kurzen Geschichte der Menschheit nicht der Fall gewesen. Wie auch bei anderen Tierarten kann aber in einer Zeit des Übergangs und der rasanten Umweltveränderungen eine schnelle Vergrößerung der Population, wie dies seit 10.000 Jahren bei den Menschen erfolgt ist, auch eine schnellere Anpassung an die neuen Lebensbedingungen der Sesshaftigkeit, des engen Zusammenlebens in größeren Verbänden, der Umstellung der Ernährung, dem Aufkommen neuer Krankheiten, die von den domestizierten Tieren übertragen werden, und dem Zwang zum beschleunigten Lernen ermöglichen. Kulturelle Evolution, so die Forscher, hat nicht die genetische Evolution ersetzt, wie immer wieder argumentiert wurde. Zwar hat diese etwa die Lebenserwartung gesteigert, aber die "Varianz in der Reproduktion hat weiterhin die genetische Veränderung vorangetrieben". Seit der neolithischen – kulturellen und genetischen – Revolution liege die "Rate der adaptiven Evolution" über hundertmal höher als zuvor.
Die Menschen sind also nicht, wie man bislang überwiegend annahm, seit 40.000 mehr oder weniger genetisch gleich geblieben, sondern haben sich nicht nur kulturell, sondern eben auch genetisch relativ schnell verändert – im Takt von Jahrhunderten. Zudem haben sich genetische Veränderungen in unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich vollzogen, wodurch sich erst einmal die menschlichen Gruppen durch die räumliche Trennung auf den unterschiedlichen Kontinenten genetisch weiter auseinander entwickelt haben. So mussten sich die Menschen an die neuen Bedingungen wie Kälte und andere Nahrung in Europa anpassen und haben etwa mit Veränderungen des Skeletts und der Hautpigmentierung reagiert. Die Ernährung mit Milch hat bei Indoeuropäern zur Laktosetoleranz geführt, weswegen auch Erwachsene Milch verdauen können, was bei vielen Menschen in Asien oder Afrika nicht der Fall ist. Harpending glaubt, dass Indoeuropäer deswegen mehr "Energie" gehabt und sich deswegen schnell ausbreiten konnten. Zahlreiche Seuchen sind durch das Zusammenleben mit Tieren aufgekommen, die von Kontinent zu Kontinent verschieden waren und neuen genetischen Druck erzeugt haben.
"Wir werden unähnlicher"
Nach dem Exodus von Afrika und der Verteilung auf den Kontinenten hätte sich kein großer Genaustausch zwischen den Menschen mehr ereignet. "Die Gene haben sich schnell in Europa, Asien und Afrika verändert", sagt Harpending, "aber fast alle diese Veränderungen sind einzigartig in Bezug auf ihren Herkunftskontinent. Wir werden unähnlicher, verschmelzen nicht in eine einzige, gemischte Menschheit."
Das allerdings mag bezweifelt werden, denn die Globalisierung, mit der Kulturen und Menschen sich vermischen und neue Verbindungen schaffen, hat schließlich erst in den letzten Jahrzehnten rasant zugelegt. Sollte die These stimmen, dass genetische Veränderungen und damit Anpassungen an neue Bedingungen durch positive Selektion auch durch die Zunahme der Population beschleunigt werden, dann müsste dies in der Gegenwart erst recht der Fall sein. Schließlich fällt das explosive Wachstum der Menschheit erst ins letzte Jahrhundert und ist noch nicht zu Ende.
Harpending hat mit seinen Kollegen allerdings auch schon vor zwei Jahren eine Debatte ausgelöst, als sie eine Studie publiziert hatten, nach der Aschkenase-Juden, die aus Mittel- und Osteuropa stammen, eine überdurchschnittliche Intelligenz haben. Die Forscher versuchten dies dadurch zu erklären, dass die europäischen Juden im Mittelalter gesellschaftlich ausgegrenzt wurden und sich dadurch in bestimmten Tätigkeiten wie Händler oder Geldverleiher bewähren mussten, wodurch sie intelligenter und reicher wurden, aber sich auch bestimmte Generkrankungen ausbildeten. Ähnlich weisen sie nun daraufhin, dass die Menschen im Nahen Osten, in Europa und Westasien sich zuerst schneller mit der neolithischen Revolution genetisch verändert hätten als die Afrikaner, die genetisch und kulturell erst später nachgezogen seien. Harpending versichert, dass die Feststellung von genetischen Unterschieden zwischen verschiedenen Menschenpopulationen "keine Diskriminierung rechtfertigen" könne, da die Verfassungsrechte keine völlige Gleichheit voraussetzen. Das dürfte wieder viele nicht wirklich überzeugen und manche dazu verleiten, ihre Vorurteile bestätigt zu sehen.
Quelle : www.heise.de